Johannes
der Täufer
Aktuelle Produktion
Der Rainbacher Evangelienspiele
Dr. Hans Würdinger
Ein Traum aus Fleisch und Feuer
Eine Einführung zum Evangelienspiel „Johannes der Täufer“ von Friedrich Ch.
Zauner
Drückende Schwüle liegt in der Luft, die Menschen ducken sich unter der
unheilschwangeren Last, verunsichert, nervös, voll Angst vor der Zukunft und
doch am Heute klebend wie Fliegen auf dem Leim. In diese dramatische,
bedrohliche Dichte hinein spricht, schreit Johannes der Täufer seine
Botschaft:„Kehrt um! Der Tag ist nahe!“
Friedrich Ch. Zauner holt in seinem Evangelienspiel „Johannes der Täufer“ mit
dem Untertitel „Der Rufer in der Wüste“ die biblische Gestalt herein in eine
Welt, die jener zur Zeitenwende unserer Tage so ähnlich erscheint: Unsicherheit
und Unzufriedenheit, Gewalt und Machtgier, aufkeimende religiöse Schwärmereien
und Sekten. Die überlieferten Grundwerte der Menschlichkeit und der Gesellschaft
schwach und verkümmert, ja vielfach vergessen.
Mit messerscharfer Sprache schneidet der Täufer Johannes in das Fleisch einer
Gesellschaft, die sich ihre eigenen Gesetze gibt, in der sich jeder selbst der
Nächste ist, in der Angst und rohe Gewalt zu Geschwistern geworden sind.
Zauner zeichnet das Bild eines Propheten, der aus einer anderen Welt zu kommen
scheint, der in seiner Radikalität ohne Kompromisse auftritt. Dieser Johannes
ist kein frommer Prediger - diese Rolle kommt im Evangelienspiel Jesus zu, der
sich im Jordan taufen lässt. Johannes redet eine Sprache, die an schonungsloser
Deutlichkeit nicht zu überbieten ist. Und damit wird dieser Prophet geradezu
atemberaubend präsent. Die Wüste ist ein Symbol für die Gleichgültigkeit, die
Gnadenlosigkeit der Welt. Die biblische Gestalt des Johannes steht an der
Zeitenwende, in einer Zeit des politischen, gesellschaftlichen und religiösen
Umbruchs in Judäa und Galiläa. Johannes war einer unter wohl vielen anderen
radikalen Predigern, die ihre Zuhörer bei den verunsicherten Massen suchten und
auch fanden. Auch Johannes hatte wie Jesus eine Jüngergemeinde um sich, die sich
allerdings danach - wenigstens teilweise - dem Prediger Jesus anschloss.
Friedrich Ch. Zauner hält sich eng an die Aussagen der Evangelien, vor allem der
Synoptiker Markus, Matthäus und Lukas. Sie stellen ja ihr Evangelium auch in den
Zusammenhang zur jüdisch-griechischen Denkwelt des 1. Jahrhunderts. Und in diese
jüdische Denkwelt hinein tritt Johannes auf. Er ist der Kämpfer gegen eine
religiöse Selbstgefälligkeit der Pharisäer und Sadduzäer, die ihre Gerechtigkeit
allein an den überlieferten Glaubensvorschriften messen und gegen die politische
Arroganz eines Herodes, der seine kleine, kümmerliche, ihm verbleibende Macht
mit aller Sinnlichkeit feiert, weit entfernt von aller politischen Realität.
Johannes will genau diese Realität einer brüchigen, sich hinter einem Schleier
der Selbstgefälligkeit versteckenden Gesellschaft, aber auch der Unsicherheit
menschlicher Existenz entlarven. Er ist ein Kämpfer, allerdings nicht in der
Rolle des erwarteten Messias. Denn die Erwartungen an ihn sind keineswegs so
politisch, wie sie gleichzeitig Jesus entgegengebracht werden. Johannes ist der
Revolutionär der Gesinnung - und hier ist er wieder Jesus ähnlich. Allerdings
tritt Johannes ungleich gewaltiger auf als Jesus. Es geht nicht um jene
Freiheit, die Jesus den Menschen im Blick auf Gott zuspricht, sondern um eine
Befreiung, eine Häutung aus starren, undurchdringlich gewordenen Lebensweisen.
Erst nach dieser Häutung kann der „neue“ Mensch sich der Botschaft des Jesus
zuwenden.
„Werdet blind, um sehen zu lernen“ - dieser Ruf hat nichts von seiner Aktualität
verloren angesichts einer Welt, in der Gewalt, Unrecht, Unmenschlichkeit
alltäglich über die Fernsehschirme flimmern, in der die Zeitungen täglich neue
Schlagzeilen liefern, mit denen die Sensationsgier der Leute befriedigt wird.
Johannes kämpft auch gegen die zähe Gleichgültigkeit, die sich über die
Gesellschaft seiner Zeit legt, die alle Menschlichkeit zu ersticken droht.
Auch wenn vieles nicht unmittelbar ausgesprochen wird, auch wenn das Spiel
zweitausend Jahre zurückversetzt ist, es ist bedrückend nahe und gegenwärtig. In
Zauners Evangelienspiel geht es um eine Radikalität, die den ganzen Menschen
fordert, zur Entscheidung zwingt, die keine Halbherzigkeit und Lauheit zulässt.
Kein frommes Spiel, das biblische Geschichte einfach nacherzählt. Zauner will
nicht biblisch-fromm erbaulich sein. Er will die Botschaft übersetzen, in eine
Sprache, die sich geradezu einbrennt in die Ohren, in die Gedanken seines
Publikums. Da gibt es kein Wenn und Aber, sondern nur noch Entscheidung. Da wird
einer Gesellschaft, die sich allzu leicht freispricht von Verantwortung und
Schuldgefühl, ein gnadenloser Spiegel vorgehalten.
Dieser Johannes sagt eine neue Zeit an - eine Zeit, die längst vergessen ist,
verschüttet unter der Geschichte von Unmenschlichkeit, Hass, Ungerechtigkeit,
und das auch allzu oft im Namen Gottes, im Kampf um den rechten Glauben.
Johannes paktiert nicht mit der Macht. Seine Macht ist sein Wort, ist seine
Botschaft, sein Ruf zur Bekehrung.
Johannes gegenüber steht Herodes, der machtgierige Potentat, der sich in seine
Selbstgefälligkeit zurückzieht und nur Angst hat, dass die verhassten Römer ihn
um seine Macht bringen. Er versteckt seine Lächerlichkeit in seinem Zynismus und
seiner Lüsternheit, die sich gegen alle sittliche Ordnung stellt und wird von
Johannes gnadenlos entlarvt.
Auf den ersten Blick erscheint die religiöse Sektiererei des Johannes in einer
sehr oberflächlichen Spannung zu stehen zur abgründigen Macht- und
Lustbesessenheit des Herodes, der sich allein selbst gefällt, aber auch zur
moralischen Selbstgerechtigkeit des Volkes unter der religiösen Führung der
Pharisäer und Sadduzäer. Johannes, der kämpfende Prophet in der Wüste, Herodes,
der selbstgefällige König in seinem Palast - beide sind von sich absolut
überzeugt. Beide sind sich selbst oberste moralische Instanz.
Beinahe am Rand des Geschehens findet die Taufe Jesu im Jordan statt. Sie ist
nur eine Episode. Jesus ist noch weit im Hintergrund, er ist der Stille, der
Blasse, der Farblose gegenüber dem donnernden Johannes. Die Menschen hören den
Lauten, den Donnernden, nicht die leise Botschaft. Nur ein Kind hört und sieht
weiter. Es ist dem Reinen, dem Unschuldigen vorbehalten, Gottes Geist - nach
biblischer Überlieferung in Gestalt einer Taube - zu erahnen.
Es ist nur der Traum eines Mädchens, der tiefer blicken lässt: Der Traum von
Fleisch und Feuer, der Traum, der einen Blick auftut in menschliche Abgründe,
aber auch auf Wege einer Erlösung, die einzig Offenheit, Bereitschaft braucht,
die nur dem möglich ist, der aus seiner moralischen Selbstsicherheit
heraustritt. Johannes stellt die Fragen - er weiß die Antwort.
Und natürlich ist der dramatische Höhepunkt der Tanz der Salome und die
Enthauptung des Johannes. Der Stoff, der auf der Opernbühne Weltberühmtheit
erlangt hat, wird von Zauner in seinem Evangelienspiel nicht neu präsentiert,
wohl aber mit einer beklemmenden Dichte: Der benebelnde Rausch der Sinne und der
Triebe liegt im Kampf mit der Radikalität der Botschaft, die auf eine
Veränderung der Welt, auf eine radikale Wandlung menschlicher Existenz abzielt.
Zauner benutzt hier die Gestalten der Einbläser, die Sinne und Verstand
verwirren. Der Rausch der Sinnlichkeit ist stärker als die Stimme des Gewissens.
Herodes ist genauso dem Untergang geweiht wie Johannes im Gefängnis. Am Ende ist
nicht nur Johannes tot - enthauptet, sondern auch Herodes, der sich blinder Lust
geopfert hat.
Die Welt hat sich nicht verändert. Die Tage sind bedrohlich. Heute anders als
damals. Aber das Spiel mit der Macht wird immer noch gespielt. Die Entscheidung
liegt im Heute. Das ist auch die Botschaft, die Friedrich Ch. Zauner in die
Gestalt des Johannes legt. Entscheidung ist gefragt, politische Entscheidung,
der wache Blick auf eine Welt, die immer noch beherrscht wird von der
unersättlichen Gier des Menschen.
Kann ein Stück wie „Johannes der Täufer“ die Welt verbessern? Wohl kaum. Die
Betroffenheit der Zuschauer - so sie entsteht - wird sich bald wieder legen. Die
Bilder von Gewalt und Unrecht werden weiter um die Welt gehen, Schauer und
Entsetzen auslösen, vielleicht noch manchen gut gemeinten politischen Appell,
mehr aber nicht.
Die Gestalt des Johannes ist wohl in ihrer Radikalität heute nicht mehr
verständlich. Es gab wohl immer wieder auch Bewegungen im Christentum, die diese
Radikalität predigten, aber sie verschwanden früher oder später wieder von der
Bildfläche der Geschichte, besiegt vom Pakt zwischen Glaube und Macht.
In einer Zeit, in der sich viele Zeitgenossen ihre eigene Weltanschauung
zusammenbasteln aus Religionen und vorgefertigten, durch Werbung und Medien
eingeblasenen Denk- und Lebensmustern, ist kein Platz für eine Gestalt wie
diesen Johannes. Er würde wohl als Fanatiker belächelt, vielleicht fände er auch
einiges Publikum. Aber seine Botschaft wäre eine von vielen anderen, vor allem
aber wäre sie verunsichernd und unbequem. Und wer will sich seine Sicherheit,
seine Bequemlichkeit nehmen lassen?
Die Fragen, die Johannes damals gestellt hat, bleiben. Das Spiel um Macht,
Selbstgefälligkeit und Umkehr zu einer Menschlichkeit, die sich auch ihrer
Schwäche und Abgründe bewusst ist, geht weiter - jeden Tag.