Die Rainbacher
Evangelienspiele

Im Jahr 2016 steht auf dem Programm der
Rainbacher Evangelienspiele das Stück



Hans Würdinger
Ein Traum aus Fleisch und Feuer

Der Rufer in der Wüste - Johannes

Drückende Schwüle liegt in der Luft, die Menschen ducken sich unter der unheilschwangeren Last, verunsichert, nervös, voll Angst vor der Zukunft und doch am Heute klebend wie Fliegen auf dem Leim. In diese dramatische, bedrohliche Dichte hinein spricht, schreit Johannes der Täufer seine Botschaft: "Kehrt um! Der Tag ist nahe!"
Friedrich Ch. Zauner holt in seinem Evangelienspiel "Joannes der Täufer“ mit dem Untertitel „Der Rufer in der Wüste" die biblische Gestalt herein in eine Welt, die jener zur Zeitenwende unserer Tage so ähnlich erscheint: Unsicherheit und Unzufriedenheit, Gewalt und Machtgier, aufkeimende religiöse Schwärmereien und Sekten. Die überlieferten Grundwerte der Menschlichkeit und der Gesellschaft schwach und verkümmert, ja vielfach vergessen.
Mit messerscharfer Sprache schneidet der Täufer Johannes in das Fleisch einer Gesellschaft, die sich ihre eigenen Gesetze gibt, in der sich jeder selbst der Nächste ist, in der Angst und rohe Gewalt zu Geschwistern geworden sind.
Zauner zeichnet das Bild eines Propheten, der aus einer anderen Welt zu kommen scheint, der in seiner Radikalität ohne Kompromisse auftritt. Dieser Johannes ist kein frommer Prediger - diese Rolle kommt im Evangelienspiel Jesus zu, der sich im Jordan taufen lässt. Johannes redet eine Sprache, die an schonungsloser Deutlichkeit nicht zu überbieten ist. Und damit wird dieser Prophet geradezu atemberaubend präsent. Die Wüste ist ein Symbol für die Gleichgültigkeit, die Gnadenlosigkeit der Welt. Die biblische Gestalt des Johannes steht an der Zeitenwende, in einer Zeit des politischen, gesellschaftlichen und religiösen Umbruchs in Judäa und Galiläa. Johannes war einer unter wohl vielen anderen radikalen Predigern, die ihre Zuhörer bei den verunsicherten Massen suchten und auch fanden. Auch Johannes hatte wie Jesus eine Jüngergemeinde um sich, die sich allerdings danach - wenigstens teilweise ¬ dem Prediger Jesus anschloss.
Friedrich Ch. Zauner hält sich eng an die Aussagen der Evangelien, vor allem der Synoptiker Markus, Matthäus und Lukas. Sie stellen ja ihr Evangelium auch in den Zusammenhang zur jüdisch-griechischen Denkwelt des 1. Jahrhunderts. Und in diese jüdische Denkwelt hinein tritt Johannes auf. Er ist der Kämpfer gegen eine religiöse Selbstgefälligkeit der Phariäser und Sadduzäer, die ihre Gerechtigkeit allein an den überlieferten Glaubensvorschriften messen und gegen die politische Arroganz eines Herodes, der seine kleine, kümmerliche, ihm verbleibende Macht mit aller Sinnlichkeit feiert, weit entfernt von aller politischen Realität.
Johannes will genau diese Realität einer brüchigen, sich hinter einem Schleier der Selbstgefälligkeit versteckenden Gesellschaft, aber auch der Unsicherheit menschlicher Existenz entlarven. Er ist ein Kämpfer, allerdings nicht in der Rolle des erwarteten Messias. Denn die Erwartungen an ihn sind keineswegs so politisch, wie sie gleichzeitig Jesus entgegengebracht werden. Johannes ist der Revolutionär der Gesinnung - und hier ist er wieder Jesus ähnlich. Allerdings tritt Johannes ungleich gewaltiger auf als Jesus. Es geht nicht um jene Freiheit, die Jesus den Menschen im Blick auf Gott zuspricht, sondern um eine Befreiung, eine Häutung aus starren, undurchdringlich gewordenen Lebensweisen. Erst nach dieser Häutung kann der "neue" Mensch sich der Botschaft des Jesus zuwenden.
"Werdet blind, um sehen zu lernen" - dieser Ruf hat nichts von seiner Aktualität verloren angesichts einer Welt, in der Gewalt, Unrecht, Unmenschlichkeit alltäglich über die Fernsehschirme flimmern, in der die Zeitungen täglich neue Schlagzeilen liefern, mit denen die Sensationsgier der Leute befriedigt wird.
Johannes kämpft auch gegen die zähe Gleichgültigkeit, die sich über die Gesellschaft seiner Zeit legt, die alle Menschlichkeit zu ersticken droht.
Auch wenn vieles nicht unmittelbar ausgesprochen wird, auch wenn das Spiel zweitausend Jahre zurückversetzt ist, es ist bedrückend nahe und gegenwärtig. In Zauners Evangelienspiel geht es um eine Radikalität, die den ganzen Menschen fordert, zur Entscheidung zwingt, die keine Halbherzigkeit und Lauheit zulässt. Kein frommes Spiel, das biblische Geschichte einfach nacherzählt. Zauner will nicht biblisch-fromm erbaulich sein. Er will die Botschaft übersetzen, in eine Sprache, die sich geradezu einbrennt in die Ohren, in die Gedanken seines Publikums. Da gibt es kein Wenn und Aber, sondern nur noch Entscheidung. Da wird einer Gesellschaft, die sich allzu leicht freispricht von Verantwortung und Schuldgefühl, ein gnadenloser Spiegel vorgehalten.
Dieser Johannes sagt eine neue Zeit an - eine Zeit, die längst vergessen ist, verschüttet unter der Geschichte von Unmenschlichkeit, Hass, Ungerechtigkeit, und das auch allzu oft im Namen Gottes, im Kampf um den rechten Glauben. Johannes paktiert nicht mit der Macht. Seine Macht ist sein Wort, ist seine Botschaft, sein Ruf zur Bekehrung.
Johannes gegenüber steht Herodes, der machtgierige Potentat, der sich in seine Selbstgefälligkeit zurückzieht und nur Angst hat, dass die verhassten Römer ihn um seine Macht bringen. Er versteckt seine Lächerlichkeit in seinem Zynismus und seiner Lüsternheit, die sich gegen alle sittliche Ordnung stellt und wird von Johannes gnadenlos entlarvt.
Auf den ersten Blick erscheint die religiöse Sektiererei des Johannes in einer sehr oberflächlichen Spannung zu stehen zur abgründigen Macht- und Lustbesessenheit des Herodes, der sich allein selbst gefällt, aber auch zur moralischen Selbstgerechtigkeit des Volkes unter der religiösen Führung der Pharisäer und Sadduzäer. Johannes, der kämpfende Prophet in der Wüste, Herodes, der selbstgefällige König in seinem Palast - beide sind von sich absolut überzeugt. Beide sind sich selbst oberste moralische Instanz.
Beinahe am Rand des Geschehens findet die Taufe Jesu im Jordan statt. Sie ist nur eine Episode. Jesus ist noch weit im Hintergrund, er ist der Stille, der Blasse, der Farblose gegenüber dem donnernden Johannes. Die Menschen hören den Lauten, den Donnernden, nicht die leise Botschaft. Nur ein Kind hört und sieht weiter. Es ist dem Reinen, dem Unschuldigen vorbehalten, Gottes Geist - nach biblischer Überlieferung in Gestalt einer Taube - zu erahnen.
Es ist nur der Traum eines Mädchens, der tiefer blicken lässt: Der Traum von Fleisch und Feuer, der Traum, der einen Blick auftut in menschliche Abgründe, aber auch auf Wege einer Erlösung, die einzig Offenheit, Bereitschaft braucht, die nur dem möglich ist, der aus seiner moralischen Selbstsicherheit heraustritt. Johannes stellt die Fragen - er weiß die Antwort.
Und natürlich ist der dramatische Höhepunkt der Tanz der Salome und die Enthauptung des Johannes. Der Stoff, der auf der Opernbühne Weltberühmtheit erlangt hat, wird von Zauner in seinem Evangelienspiel nicht neu präsentiert, wohl aber mit einer beklemmenden Dichte: Der benebelnde Rausch der Sinne und der Triebe liegt im Kampf mit der Radikalität der Botschaft, die auf eine Veränderung der Welt, auf eine radikale Wandlung menschlicher Existenz abzielt. Zauner benutzt hier die Gestalten der Einbläser, die Sinne und Verstand verwirren. Der Rausch der Sinnlichkeit ist stärker als die Stimme des Gewissens. Herodes ist genauso dem Untergang geweiht wie Johannes im Gefängnis. Am Ende ist nicht nur Johannes tot - enthauptet-, sondern auch Herodes, der sich blinder Lust geopfert hat.
Die Welt hat sich nicht verändert. Die Tage sind bedrohlich. Heute anders als damals. Aber das Spiel mit der Macht wird immer noch gespielt. Die Entscheidung liegt im Heute. Das ist auch die Botschaft, die Friedrich Ch. Zauner in die Gestalt des Johannes legt. Entscheidung ist gefragt, politische Entscheidung, der wache Blick auf eine Welt, die immer noch beherrscht wird von der unersättlichen Gier des Menschen.
Kann ein Stück wie "Johannes der Täufer" die Welt verbessern? Wohl kaum. Die Betroffenheit der Zuschauer - so sie entsteht - wird sich bald wieder legen. Die Bilder von Gewalt und Unrecht werden weiter um die Welt gehen, Schauer und Entsetzen auslösen, vielleicht noch manchen gut gemeinten politischen Appell, mehr aber nicht.
Die Gestalt des Johannes ist wohl in ihrer Radikalität heute nicht mehr verständlich. Es gab wohl immer wieder auch Bewegungen im Christentum, die diese Radikalität predigten, aber sie verschwanden früher oder später wieder von der Bildfläche der Geschichte, besiegt vom Pakt zwischen Glaube und Macht.
In einer Zeit, in der sich viele Zeitgenossen ihre eigene Weltanschauung zusammenbasteln aus Religionen und vorgefertigten, durch Werbung und Medien eingeblasene Denk- und Lebensmuster, ist kein Platz für eine Gestalt wie diesen Johannes. Er würde wohl als Fanatiker belächelt, vielleicht fände er auch einiges Publikum. Aber seine Botschaft wäre eine von vielen anderen, vor allem aber wäre sie verunsichernd und unbequem. Und wer will sich seine Sicherheit, seine Bequemlichkeit nehmen lassen?
Die Fragen, die Johannes damals gestellt hat, bleiben. Das Spiel um Macht, Selbstgefälligkeit und Umkehr zu einer Menschlichkeit, die sich auch ihrer Schwäche und Abgründe bewusst ist, geht weiter - jeden Tag.Passauer Tölpel

 

Interview und Ausschnitt zum Stück "TAMAR oder Wie eine Stele"

 

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Hubert Feichtlbauer
„Sünder als Werkzeuge des Heils“
Die Bibel ist das Buch sehnsuchtsvollen Fragens [zum Artikel]

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„Passauer Neue Presse“ vom 16. Juni 2013
Was Friedrich Ch. Zauner und sein Team da auf die Bühne stellen, ist sagenhaft. Spiel, Musik, Gesang vom Feinsten, alles perfekt inszeniert. Man muss nicht nach Wien oder Salzburg fahren, nur 25 Kilometer in den Sauwald. Eine allerwärmste Empfehlung von deinem Passauer Tölpel
(Dr. Stefan Rammer)


Zum Inhalt:
Die Frauen in der Bibel




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