Die Rainbacher
Evangelienspiele

Im Jahr 2017 steht auf dem Programm der
Rainbacher Evangelienspiele das Stück



Hans Würdinger
Annäherung an einen Fremden

Zeichen und Wunder

Ein kleiner Ort irgendwo am Rand der großen Weltgeschichte, eine Hochzeit, bei der dem Brautpaar der Wein ausgeht. Das Fest droht zu „sterben“… Mit der bekannten biblischen Wundergeschichte von der Hochzeit zu Kana (Johannes 2,1-11) beginnt Friedrich Ch. Zauner sein Evangelienspiel „Zeichen und Wunder“. Was als Fortsetzung der „Passion“ gedacht ist, greift in der Erzählung zurück. Zauner schildert das Wirken des Jesus von Nazareth von seinem ersten öffentlichen Auftreten bis zur Gefangennahme in Getsemani am Tag vor der Kreuzigung. Dabei bewegt sich Zauner relativ eng im biblischen Hintergrund des Johannes-Evangeliums. In diesem vierten Evangelium wird Jesus in seiner Gottessohnschaft bezeugt, Johannes stellt ihn in den Zusammenhang des Judentums seiner Zeit und führt ihn gleichzeitig weit über die jüdische Glaubenstradition hinaus.
Allerdings geht es in Zauners Evangelienspiel nicht um eine getreue Wiedergabe biblischer Texte. Sie werden dann und wann zitiert, wirken dabei aber in ihrer Sprache eher fremd und „unerhört“. Die Wundererzählungen und Zeugnisse des Wirkens dieses Jesus von Nazareth, durch die biblische Sprache über Jahrhunderte hinweg glatt poliert und damit weit vom Leben und Weltverständnis des heutigen Menschen entfernt, erhalten im Evangelienspiel auf einmal eine geradezu erschreckende und manchmal verunsichernde Lebensnähe. Da ist nicht mehr der sichere Abstand des frommen Bibellesers von heute, der diese Wunderberichte einordnet in den Bereich der erbaulichen Erzählungen aus einer fremden, weitgehend auch unbekannten Welt oder der frommen Selbstverständlichkeit („Ach, das kenne ich schon“) und der schon weiß, wie die Geschichte ausgeht. Nichts von alledem ist in Zauners Spiel zu finden. Da gibt es kein erbauliches, bibeltreues Abbild einer Geschichte. Die Handlung wird zur Provokation, zur Anfrage, reißt Zweifel auf, zwingt regelrecht zum Mitgehen, die Dialoge zwischen Jesus und den Menschen, die ihm begegnen oder die ihm regelrecht nachlaufen, sprechen die Sprache des Menschen von heute. Diese Verheutigung der biblischen Geschichte ist traditionsgemäß eine Form der Glaubensverkündigung - oft in Bildern als Biblia Pauperum für jene, die des Lesens nicht kundig waren, oft in großen Predigten der Kirchenlehrer seit der Frühzeit des Christentums, die biblische Erzählungen häufig zu moralisierenden Belehrungen der Gläubigen und der ungläubig Staunenden benutzten, ja missbrauchten.
Zauner will in seinem Spiel nichts von alledem. Und trotzdem spürt der Zuschauer plötzlich: Auch er gehört zu diesen Menschen, für die dieser Jesus Wundertäter und Messias, politischer Führer und Retter in der Not wird. Seine Gesellschaft, das sind Fischer, Bauern, Zöllner, die einfachen Menschen, die nicht unbedingt zu den „Anständigen, Gutbürgerlichen“ gehören. Die Apostel sind gar nicht so sicher, sie begegnen Jesus und den Menschen in Judäa und Galiläa mit Fragen, mit all ihrer Angst vor dem, auf das sie sich da mit diesem Jesus eingelassen haben. Jesus ist ihnen nahe und doch so fremd - faszinierend und abstoßend zugleich, einer von ihnen und doch ganz anders.
Und da sind auch die Zweifler. Da ist der große Gegenspieler Judas Iskarioth. Er sieht sich in Jesus bitter enttäuscht und verletzt. Er hatte auf den Messias gesetzt, den Befreier von der verhassten römischen Besatzung. Er glaubte sich am Ziel beim Einzug in Jerusalem, aber bald spürt er: Die Macht ist bei den Römern. Die einzige Macht, die Jesus hat, ist es, die Leute zu faszinieren, in den Augen des Judas wie ein Gaukler. Für ihn ist Jesus am Ende der wahre Verräter.
Zauner spielt diese Spannung Jesus-Judas hochdramatisch aus. Aber er macht auch deutlich, Judas handelt nicht aus schnöder Geldgier oder aus niederen Motiven, wie es ihm die christliche Tradition über Jahrhunderte unterstellt. Provokant bleibt die Frage nach dem Verräter bereits in der Abendmahlszene: Alle Apostel tauchen gleichzeitig mit Jesus und Judas das Brot ein - und das sollte die Bezeichnung des Verräters sein … Ist am Ende Judas nicht der einzige, der Jesus und seine Botschaft wirklich verstanden hat, der aber an dieser Botschaft scheitert, weil sie seine Erwartungen, seine politischen Hoffnungen nicht erfüllt?
Wie schon in seiner „Passion“ stellt Zauner die Frage: Warum werden von diesem Wundermann Jesus nur wenige geheilt, warum bleiben die Hoffnungen, die Sehnsucht, die Erwartungen so vieler anderer unerfüllt - ist das die Ungerechtigkeit Gottes? Diese große Frage nach dem Warum von Krankheit, Not und Leid in der Welt wird durch den Chor der Kranken, der Krüppel, der Zerbrochenen regelrecht in kleine Mosaiksteine zersplittert und damit auch dramatisch zugespitzt. Diese Frage fordert auch die überlieferte Theologie heraus, ohne eine wirklich einleuchtende Antwort zu finden. Zauner gibt diesen Fragen menschliche Stimmen: Die Stimmen der Verletzten, die der vielen Zerbrochenen am Rand der gutbürgerlich-christentümlichen Gesellschaft, die sich nicht abfinden mit vertröstenden Bildern, sondern hier und jetzt Heilung und Hilfe erwarten, ja verlangen. Die Fragen, die in Zauners Evangelienspiel gestellt werden, sind nicht von Theologen gedeutete und in die jeweilige Zeit hinein gelesene Formeln. Es sind die Fragen des Menschen heute in seiner Spannung zwischen Lebensangst und Selbstverwirklichung, zwischen Existenzkrise und vordergründigem Genuss des Lebens. Die Stimmen der Apostel, der Menschen, die Jesus begegnen, sind die Stimmen der Suchenden, der Zweifler, der Kritiker, der Leidenden, aber auch der Selbstbewussten und um die Freiheit Kämpfenden.
Biblische Geschichte wird nicht mehr von oben herab gesehen und gelesen, nicht aus sicherer Entfernung („Geht mich nichts an“), sondern aus geradezu erschreckender Nähe. Der Blickwinkel geht von unten nach oben. Dieser Jesus erscheint als der Fremde, der herausfordernd Andere, der sich über vorgefertigte Lebensbilder ganz einfach hinwegsetzt, mit einer anstößigen, unerhörten Selbstsicherheit, die für ihn am Ende zum Verhängnis wird…
„Zeichen und Wunder“ - da ist nicht mehr die vorgegebene Überlieferung, keine dicke Farbschicht mit der Patina der Geschichte über dem Bild von diesem Jesus. Er steht sehr unmittelbar - be-drohlich nahe - unter den Menschen seiner Zeit und damit auch unter den Menschen heute. Allerdings nicht moralisierend, nicht belehrend, sondern provozierend, herausfordernd. Wer ihm begegnet, muss anfangen, zu fragen. Der muss aus dem fest gefügten Lebens- und Weltbild ausbrechen.
Das Unbegreifliche an Jesus wird zwar in Sprache und Spiel plötzlich begreiflich, und doch bleibt Jesus der „Fremde“, der in kein vorgefertigtes Bild passt. Jeder, der ihm begegnet, sieht ihn anders, mit eigenen Augen, nicht mit der Brille der Theologie und der kirchlichen Lehrautorität. Es geht nicht um eine Anbiederung an den „Bruder Jesus“, wie es die Theologie gut meinend vor zwanzig, dreißig Jahren versucht hat. Es geht nicht um eine „Vermenschlichung“ und damit um eine Verharmlosung von Jesus, im Gegenteil: Gerade in seinem Fremdsein, seinem so radikalen Anderssein, in seinem Ausbrechen aus den Erwartungsmustern der Menschen seiner Zeit wird seine Gottheit spürbar. Eine Gottheit, die Nähe und Ferne zugleich bedeutet, Frage und Antwort ist, Hoffnung und Erfüllung. Eine Gottheit als Paradoxon, wie sie wohl auch von vielen Menschen in der kritischen Ferne zur kirchlich-feststehenden Überlieferung gesehen wird. Darum richtet sich dieses Evangelienspiel mit seiner Botschaft gerade auch an Menschen unserer Zeit, die sich kritisch mit der kirchlich-frommen Überlieferung auseinandersetzen und sich innerlich und äußerlich weit von dieser Tradition entfernt haben.
Im Spiel „Zeichen und Wunder“ geht es auch um ein klares Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes. Das wird nicht ausdrücklich benannt, aber Zauner fügt auch die Begegnung von Jesus mit der Frau am Jakobsbrunnen und mit dem Pharisäer Nikodemus in sein Spiel ein. Nicht, um theologische Abhandlungen in wenigen markanten Sätzen zu inszenieren, sondern um auch eine andere Seite des Jesus von Nazareth zu zeigen - nicht nur die des bestaunten Wundermanns, sondern auch den Menschen, der aus seiner tiefen Beziehung zu Gott auftritt und handelt.
Nichts von jenem anbiedernden „Jesus liebt dich - Jesus liebt euch alle“, nichts von jenem „Bruder Jesus“, mit dem die jugendbewegten Christen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts versucht haben, diesen Jesus menschlich nahe zu bringen. Es geht nicht nur um einen ungewöhnlichen Menschen. Es bleibt auch die Frage, die weiter führt: Sind die Wunder, die Jesus tut, Zeichen seiner Vollmacht von Gott? Diese Vollmacht lässt ihn immer noch fremd erscheinen, fremd unter Gleichen, unter Landsleuten, der Zimmermannssohn unter den Fischern und Zöllnern.
Was in diesem Spiel sehr deutlich wird: Jesus ist Jude unter Juden. Das zeigt auch die biblische Vorlage des vierten Evangeliums hinreichend. „Das Heil kommt von den Juden“ ist ein Kernsatz bei Johannes (Joh 4,22). Das Heil kommt für die Juden von einem aus ihrer Mitte - und es bleibt am Ende unbegreiflich. Darum das Ende in der Gefangennahme, der Verurteilung, der Kreuzigung. Jesus und Judas - sie stehen gegeneinander. Beide sind Juden, beide leben in der Zeit der römischen Besatzung - beider Ziel ist die Freiheit des Menschen. Für Judas konkret, unmittelbar erwartet, für Jesus Freiheit in einem grenzenlosen Vertrauen auf die Wirkmacht Gottes.
Wer Zauners Evangelienspiel sieht, muss sich Fragen aussetzen. Er findet kein fertiges Bild von Jesus, er muss dieses Bild selbst zusammenfügen, zugleich wissend, dass es dieses Bild nicht geben wird und geben kann. Eine Sisyphusarbeit also, die tief an die menschliche Existenz rührt, die in immer neue Rollen drängt, in immer neue Möglichkeiten der Annäherung an diesen Mann, der irgendwo am Rand der großen Welt die Geschichte der Menschheit grundlegend verändert hat.
Jesus - das war nicht der Wunderheiler für jedermann, nicht der Retter der Massen, nicht der große Führer seines Volkes. Was von ihm bleibt - auch am Ende seines öffentlichen Auftretens, als man ihn abführt, um ihn hinzurichten - ist die Kraft der Veränderung, Lebenskraft über den leiblichen Tod hinaus, Lebenskraft in all denen, die von seinem Feuer angesteckt worden sind …
Ist es nur ein Spiel - ist es nur Botschaft, oder doch beides? Friedrich Ch. Zauner gibt keine fertigen Bilder wieder, er bewegt sich auch in seinen in Szene gesetzten Wundergeschichten im fragmenta-rischen Raum, lässt den Zuschauer selbst suchen, formuliert Fragen an die Person des Jesus von Nazareth. Friedrich Zauner spannt den Bogen der Erzählung, des Spiels mit Hilfe von Chören. Hier nähert er sich dem klassischen antiken Theater ebenso wie dem traditionellen Passionsspiel. Unüberhörbar der Ruf zur Entscheidung: „Die Zeit ist da“.
Dieser Jesus fordert eine Entscheidung, er ist kein harmloser Sektierer. „Die Zeit ist da“ - dieser Ruf steht eigentlich am Ende des Weges, den Jesus geht - vor seinem Einzug in Jerusalem, der im Tod am Kreuz endet. Damit nimmt Zauner auch ein Stück seiner Passion vorweg - oder im Fall dieser Aufführung ruft er sie wieder in Erinnerung: Die Passion ist die große Entscheidung auf Leben und Tod, der sich ein Pilatus, ein Petrus, ein Judas zu stellen hat.
Sie ist zugleich aber auch Anbruch einer neuen Zeit - denn auch das wird deutlich: Es ist nicht das Ende eines Gescheiterten, sondern ein Aufbruch, in dem seine Botschaft weiterlebt, in menschlichem Begreifen weiterlebt, nicht nur in den theologischen Spitzfindigkeiten der kirchlichen Lehre über die Jahrhunderte. Genau das zeigt das Evangelienspiel: nicht abstrakte, strohtrockene und zumindest lebensfern klingende Theologie der Gelehrten, aber auch nicht einen harmlosen, liebenswürdig-unverbindlichen Jesus der Hippie-Generation.
Jesus hinterlässt seine Spuren nicht nur bei denen, die von ihm geheilt werden, die seine Botschaft hören, hören und sie nicht unmittelbar verstehen. Er hinterlässt seine unauslöschlichen Spuren in der Weltgeschichte - auch wenn er zum ersten Mal in einem kleinen Ort irgendwo am Rand der Welt auftritt. Dieser Jesus, der Fremde, bleibt fremd und wird dadurch gerade faszinierend. Die Distanz, die Zauners Evangelienspiel herstellt, wird zur Spannung, die den Zuschauer einfängt und dadurch wieder zur Annäherung.

 

Interview und Ausschnitt zum Stück "TAMAR oder Wie eine Stele"

 

---------------------------------------------

 

---------------------------------------------

Hubert Feichtlbauer
„Sünder als Werkzeuge des Heils“
Die Bibel ist das Buch sehnsuchtsvollen Fragens [zum Artikel]

---------------------------------------------

„Passauer Neue Presse“ vom 16. Juni 2013
Was Friedrich Ch. Zauner und sein Team da auf die Bühne stellen, ist sagenhaft. Spiel, Musik, Gesang vom Feinsten, alles perfekt inszeniert. Man muss nicht nach Wien oder Salzburg fahren, nur 25 Kilometer in den Sauwald. Eine allerwärmste Empfehlung von deinem Passauer Tölpel
(Dr. Stefan Rammer)


Zum Inhalt:
Die Frauen in der Bibel




Fotoauswahl zu den Stücken
2005 bis 2015



2017 erwartet Sie